Berlin (dpa) - Schlechte Zeugnisse in Sachen Bildung sind die verantwortlichen Länder-Kultusminister seit langem gewöhnt.
Seit mehr als zehn Jahren trotzen sie beharrlich den regelmäßigen Mahnungen der OECD-Bildungsforscher, Deutschland möge doch - wie weltweit in allen Industriestaaten üblich - mehr Abiturienten und Akademiker ausbilden und deutlich mehr Geld in seine Schulen und Hochschulen investieren. Doch in Deutschland gehen seit Anfang der 90er Jahre bundesweit unverändert nur etwa 30 Prozent der Grundschüler aufs Gymnasium - während erfolgreiche Bildungsnationen heute schon mehr als 60 Prozent eines Jahrganges zum Abitur führen.
Anfangs waren die Warnungen in dem jährlichen Bildungsreport der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von den deutschen Schulministern nur schlicht ignoriert worden. Heute werden sie von den CDU/CSU-Bildungspolitikern als unliebsame Einmischung barsch zurückgewiesen. Und auch mancher SPD- Schulminister ist über den Spiegel, der der deutschen Bildungspolitik immer wieder schonungslos aus der Pariser OECD-Zentrale vorgehalten wird, alles andere als glücklich.
Dabei versteht sich die OECD nicht als Bildungs- sondern als eine Wirtschaftsorganisation. Ihre These: Investitionen in junge Köpfe fördern die Qualifikation der künftigen Arbeitskräfte und damit die Arbeitsproduktivität. Dies wiederum gilt als eine Voraussetzung von Wirtschaftswachstum. Das Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte erweist sich dagegen als Bremse beim ersehnten Aufschwung. Deutschland, so die eindringliche Mahnung der Forscher, droht den Anschluss an die internationale Entwicklung der Industriestaaten zu verlieren - die allesamt in den vergangen zwei Jahrzehnten ihr Bildungssystem gewaltig ausgebaut und Abiturienten- und und Akademikerzahlen deutlich gesteigert haben.
Doch stolz wird von Unionsländern wie Hessen gar vermeldet, wenn heute wieder mehr Kinder statt zum Gymnasium zur Hauptschule gehen. Und nach dem deutschen PISA-Debakel vor drei Jahren haben alle Länder die Leistungsanforderungen in den Schulen mächtig angezogen. Weil das Geld für das Fördern fast überall knapp ist, verlässt sich mancher Kultusminister eben mehr auf das Fordern. Auch deutsche Bildungsforscher fürchten, dass im Zuge der PISA-Reformen der Anteil der Gymnasiasten künftig bundesweit eher wieder sinken als steigen wird.
Ein Ausweg könnte die Ganztagsschule sein, die mehr Zeit zum Lernen - und eben auch zum individuellen Fördern lässt. Der Bund unterstützt den Ausbau mit vier Milliarden Euro. Rheinland-Pfalz hat mit viel Elternzustimmung frühzeitig auf die Ganztagsschule gesetzt und will noch in dieser Wahlperiode an jeder vierten Schule ganztätig Unterricht und Betreuung anbieten. Auch Nordrhein-Westfalen zieht jetzt kräftig nach. Doch viele Länder fürchten die hohen Folgekosten. Der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher sieht in der Ganztagsschule die «entscheidendste Schulreform» in Deutschland.
Anfang Dezember wird die OECD die zweite weltweite PISA-Studie vorlegen, deren Daten im vergangenem Jahr erhoben worden waren. Die deutschen Kultusminister ahnen nichts Gutes, benötigt doch die Umsetzung der eingeleiteten Reformen nach PISA I noch Zeit. Die Hiobsbotschaften ereilen die Kultusminister ausgerechnet in einer Zeit, in der die Länder in der Föderalismusdebatte mehr Rechte begehren. Ihr alleiniger Gestaltungsanspruch in der Bildungspolitik schien bei den Kommissionsberatungen schon so gut wie ausgemacht. Doch angesichts der schlechten Nachrichten regt sich jetzt bei den Bildungspolitikern aller Bundestagsfraktionen erster Widerstand.
[Quelle: Yahoo!]





